Freitag, 6. Januar 2012

Vögel erkennen Verwandte am Geruch


 





Zebrafinken können allein durch den Geruchssinn Eltern und Geschwister von anderen Vögeln unterscheiden
Der Geruchssinn bei Vögeln galt lange als gar nicht oder nur schwach entwickelt. Jetzt haben deutsche Biologen erstmals nachgewiesen, dass Singvögel Eltern und Geschwister allein am Geruch erkennen können. Zebrafinken, die kurz nach dem Schlüpfen in ein fremdes Nest gesetzt wurden, erinnerten sich später wieder an den elterlichen Nestgeruch. Verwandte zu erkennen ist wichtig, damit sich kooperatives Verhalten entwickeln kann und Inzucht verhindert wird. Dabei verlassen sich auch Vögel nicht nur auf optische und akustische Signale, sondern setzen den Geruchssinn ein, berichten die Forscher im Fachblatt „Biology Letters”.

Mit der Fähigkeit zu riechen verringere sich die Wahrscheinlichkeit, beim Erkennen von Verwandten Fehler zu machen, schreiben die Biologen um Barbara Caspers von der Universität Bielefeld. Die Unterscheidung zwischen verwandten und fremden Artgenossen aufgrund von Lautäußerungen oder sichtbaren Merkmalen ist nicht immer eindeutig und kann erst zu einem späteren Zeitpunkt nach dem Schlüpfen erlernt werden. Dagegen ist der von Eltern und Geschwistern erzeugte Nestgeruch unmittelbar nach dem Schlüpfen – vielleicht sogar schon vorher – wahrnehmbar. Es sei möglich, so die Forscher, dass frisch geschlüpfte Vögel sofort auf den Familiengeruch geprägt werden, falls die Erkennung über den Geruch nicht sogar angeboren ist.

Für ihre Versuche nahmen die Biologen jeweils ein etwa zwei Tage altes Küken von Zebrafinken (Taeniopygia guttata) aus seinem Nest und setzten es in ein fremdes Nest mit gleichaltrigen Küken. Dort blieb es als Pflegekind drei Wochen lang, bis es flügge war. Dann testeten die Forscher seine Reaktion auf Nestmaterial aus dem elterlichen Nest und aus dem Nest der Pflegeeltern. Als Kontrolle diente das Verhalten eines Vogels, der im gleichen Nest wie das Pflegekind aufgezogen wurde. Die Finken bevorzugten eindeutig den Geruch des Nestes, in dem sie geschlüpft waren, auch wenn sie die meiste Zeit ihres Lebens im anderen Nest verbracht hatten. Die im elterlichen Nest gebliebenen Vögel reagierten auf den eigenen Nestgeruch umso stärker, je größer die Zahl der Geschwister im Nest gewesen war. Offenbar produziert die größere Geschwisterschar einen stärkeren Familiengeruch, der dann auch durch ein nicht verwandtes Pflegekind weniger stark „verunreinigt“ wird.
Von Joachim Czichos © Wissenschaft aktuel Januar 2012

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