Donnerstag, 29. Dezember 2011

Das Zündholz und die Kerze


 


Es kam der Tag, da sprach das Zündholz zur Kerze: „Ich habe den Auftrag, dich anzuzünden.“
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„Oh nein, nur das nicht“, erschrak die Kerze, „wenn ich brenne, sind meine Tage gezählt, und niemand mehr wird meine Schönheit bewundern.“
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Das Zündholz fragte: „Willst du denn ein Leben lang kalt und hart bleiben, ohne zuvor gelebt zu haben?“
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„Brennen tut weh und zehrt an meinen Kräften“, flüsterte die Kerze angstvoll.
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„So ist es“, entgegnete das Zündholz, „aber das ist das Geheimnis der Berufung: Du und ich, wir sind dazu bestimmt, für andere Licht zu sein. Was ich als Zündholz tun kann, ist noch weniger als das, was in deinen Kräften liegt. Verweigerst du dich meiner Flamme, so verpasse auch ich den Sinn meines Lebens. Ich wurde dazu geschaffen, Feuer zu entfachen, du bist als Kerze da, um zu leuchten und Wärme zu schenken. Alles, was wir an Schmerz, Leid und Kraft hingeben, wird verwandelt in Licht. Wenn wir uns verzehren, gehen wir nicht verloren. Andere werden das Feuer weitertragen. Nur wer sich verweigert, wird sterben.“
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Da senkte die Kerze ihren Docht und sprach leise aber bestimmt: „Ich bitte dich, gib mir dein Licht.“
Gabriele Unkelbach - 1981

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