Montag, 5. September 2011

Interview mit einem Maulwurf

 






Kaum jemand bekommt ihn zu Gesicht und doch hat fast jeder eine Meinung über ihn. Weil er mit seinen Hügeln mühevoll gepflegte Rasenfläche in eine Kraterlandschaft verwandelt, ist er alles andere als beliebt. Grund genug, einmal mehr über den fleissigen Wähler im Untergrund zu erfahren. Wir haben den Maulwurf zu einem Gespräch gebeten.
Sie führen ein sehr heimliches Leben, verbringen die meiste Zeit unter der Erde. Viele Menschen haben Sie noch nie gesehen. Auch über Ihre Familienver­hältnisse ist wenig bekannt. Es wird Zeit etwas Licht ins Dunkel zu bringen. 
Ein Grossteil meiner Sippschaft lebt in Nord­amerika, entfernte Verwandte haben wir aber auch im heissen Australien. Selbst in Japan kommen wir vor. Wer mich kennt, nennt mich übrigens Talpa europaea oder kurz „Talpa".

Sind Sie eigentlich mit den Wühlmäusen verwandt, Herr Talpa?
Ich bitte Sie! Wühlmäuse sind Nagetiere. Wenn Sie mal näher kommen wollen, um mir ins Gebiss zu schauen: Was Sie sehen, sind 44 Raubtierzähne — gemacht für die Jagd auf Insekten und Würmer und nicht für das Nagen an Wurzeln. Ich gehöre zur Ordnung der Insektenfresser wie Spitzmaus, Igel und Fledermaus.

Welche Insekten stehen auf Ihrem Speiseplan, Herr Talpa?
Hauptsächlich besteht meine Kost aus Regenwürmern. Sie sind einfach zu fangen, .denn sie fallen in meine Gänge oder ich treffe sie beim Graben. Wenn ich mehr fange, auf einmal verspeisen kann, lege ich mir einen Vorrat an. Mache ihn mit einem machen Biss bewegungsunfähig und bringe ihn dann in eine von mir gegrabene Vor­ratskammer. Ein Festmahl sind für mich auch Engerlinge, Drahtwürmer oder die Larven der Schnake — sehr eiweißreich und saftig. Gärtner sollten mir dafür danken. Ich räume unter den von ihnen so titulierten Schädlingen nämlich ordentlich auf. 

Woher komm! dieser Bärenhunger für ein vergleichsweise kleines Tier? 
Mein reger Stoffwechsel ist Schuld daran. Ständig muss ich essen — etwa 50 Gramm am Tag. Stellen Sie sich vor, Sie müssten täglich etwa die Hälfte Ihres Körpergewichts zu sich nehmen. Wenn ich länger als acht Stunden keinen Wurm zwischen die Zähne kriege, bedeutet das mein Ende. 

Herr Talpa, was mir an Ihnen sofort aufgefallen ist, sind Ihre unglaublich großen Hände. Wozu brauchen Sie die? 
Wer täglich unter Tage malocht wie ich, braucht funktionales Werkzeug. Meine Hände sind wie mein ganzer Körper das Ergebnis von Tausenden Jahren Anpassung an das Leben unter der Erde. Die anatomischen Details erspare ich Ihren Lesern. Mit meinen dicht am pelzigen Körper liegenden Grabe-schaufeln buddel ich bis zu sieben Meter Gang pro Stunde. Für den 3,3 km langen neuen Elbtunnel hätte ich also gerade mal drei Wochen gebraucht. Ich will damit nicht protzen. Aber vielleicht sind Ihre Leser jetzt weniger verwundert, wenn sie beim morgendlichen Blick aus dem Fenster auf ih­rer am Vorabend noch ebenen Rasenfläche eine grosse Zahl meiner Hügel sehen.

Verraten Sie uns, warum Sie die Erde immer nach oben schieben?
Ich grabe ein ausgedehntes, oft in Kreisen laufendes Tunnelsystem in 10 bis 20 cm Tiefe. Nur im Winter grabe ich tiefer. Dann folge ich meinen Beutetieren, die in frost­freie Bodenregionen ausweichen. Wer schon mal eine Sandburg gebaut und darin einen Tunnel gegraben hat, weiss, wie viel Erd­aushub anfällt. Der muss ja irgendwohin. Ich drücke ihn mit meinen Grabeschaufeln aus dem Gang — nicht senkrecht, sondern schräg nach oben. Die Hügel, über die sich Ihre In­nung so ereifern kann, liegen dementspre­chend nicht direkt über dem Gang.

Warum fühlen Sie sich in manchen Gärten wohler als in anderen?
Ich freu mich vor allem über einen reich ge­deckten Tisch. In lockeren, humosen Böden finde ich geradezu paradiesische Zustände vor. Hier leben viele Regenwürmer. Zudem fällt mir das Graben leicht und ich muss nicht alle paar Meter einen Haufen hoch­schieben. In Beeten fallen meine Haufen deshalb oft gar nicht auf. Unter stark verdichteten Rasenflächen sieht es ganz anders aus: Das Buddeln bedeutet Schwerst­arbeit für mich, viel mehr Aushub muss viel öfter an die Oberfläche befördert werden. Hier leben auch weniger Regenwürmer. Ich muss also längere Gänge anlegen. Viele und dazu auch noch grosse Haufen sind also keinesfalls ein Indiz dafür, dass ich mich be­sonders wohlfühle. Ganz im Gegenteil! 

Man sagt, Sie leben als Dauersingle.
Ja, das stimmt. Ich bin kein besonders sozia­les Wesen geschweige denn ein umgäng­licher Partner. Daran ist wieder mal mein Stoffwechsel Schuld — wenn man denn von Schuld sprechen mag. Er lässt mir nicht die Ruhe für Gemeinschaftliches oder gar kuschelige Zweisamkeit. Wir Maulwürfe sind da anders als etwa Murmeltiere oder die bei Menschen so beliebten Hunde. Wir sind einzelgängerisch und territorial. Artgenossen, die meine Gänge mitbenutzen und sich quasi an den gemachten Tisch setzen wollen, verjage ich energisch. Nur im Frühjahr übernehmen andere Hormone das Regiment. Weibliche Artgenossen riechen dann einfach unwiderstehlich. Kurz nach der Paarung ist die romantische Stimmung aber wieder vorüber. Was zählt, sind dann allein die Nahrung, das Graben und für die Weibchen die Jungenaufzucht. 


Viele Menschen wollen Sie nicht in oder unter Ihrem Garten haben.
Ja, das stimmt leider. Unsere Lobby-Arbeit ist schlecht. Begriffe wie Nützling, Boden­belüftung oder gar Schönheit und Faszination werden mit meiner Art selten assoziiert. Deshalb hab ich mich auch bis an Ihr Mikro­fon gegraben. Ich möchte Werbung machen für die Maulwürfe. Ich weiß, dass unsere Hügel auf einem gepflegten Rasen nicht schön aussehen und beim Mähen störend sind, das rechtfertigt meiner Ansicht nach nicht die Heftigkeit, mit der man auf uns reagiert.

Wie denn zum Beispiel?
Sie fluten meine Gänge. Nicht wenige Maul­würfe ertrinken dabei jämmerlich in ihren Tunneln. Übelriechendes Gas und stinkende Jauchen aus Lebensbaum, Holunder oder Knoblauch werden gegen mich eingesetzt. Sie können sich vorstellen, wie das auf ein Lebewesen mit einer so feinen Nase wie der meinen wirkt. Ich muss Reissaus nehmen und meinen Wohnort — jedenfalls vorerst —verlagern. Am schlimmsten sind jedoch die Totschlagfallen. Es ist schon lange nicht mehr erlaubt, sie aufzustellen, Bundesnatur­schutzgesetz und die Bundesartenschutz‑verordnung schützen mein Leben. Lärm geht mir übrigens tierisch auf die Nerven. Früher musste ich die Heulgeräusche ertragen, die durch Flaschen, die in meinen Tunnel gesteckt wurden, entstanden oder das Schlagen gegen Holzpflöcke. Heute sind es Ultraschallgeräte. Meist ziehe ich dann weiter in Gärten, in denen es ruhiger zugeht.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?
Mir und meinesgleichen ein langes Leben, immer reichlich Wurm in den Gängen
und dass die Menschen uns irgendwann als das akzeptieren, was wir sind: faszinierende, nützliche Geschöpfe und ein Teil ihrer belebten Umwelt.
 
  
Herr Talpa, wir Anken Ihnen für dieses Gespräch!


ANDREAS LAMPE, 
Publikation Flora Garten 9/11

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen