Freitag, 30. September 2011

Dem Rotkehlchen lauschen




Von Weltenbummlern und Nesthockern

Ein Rotkehlchen erzählt, warum die Klimaerwärmung auch eine gute Seite hat. Wie Buchfinken ihre Beziehung in Schwung halten. Und was man mit Ameisen so alles anstellen kann.

Haaach, ist das eine Ruhe hier! Herrlich! Wir Rotkehlchen sind ja nicht so die Geselligen, deshalb schätze ich es sehr, wenn die meisten meiner Bekannten jetzt im Oktober die Gärten geräumt haben. Viele meiner Artverwandten besiedeln jetzt lieber Waldsäume und Feld-ränder mit breiten, dichten Hecken. Die reifen Beeren dort locken! Aber wenn das Futter zur Neige geht, kommen sie bald zurück in die Gärten - in der Hoffnung auf gut gefüllte Futterhäuschen. Ich bleibe lieber gleich hier, denn wenn ich nicht ständig auf der Hut bin, wird mir mein Revier streitig gemacht! Jedes von uns Rotkehlchen beansprucht für sich allein oder als Paar zwischen 250 und 1000 qm. Und mein Revier, nun, das ist schon etwas Besonderes, denn hier wachsen Pfaffenhütchen! Hmmm.... Die Leibspeise aller Rotkehlchen. Also: Rotauge, ähm Rotkehlchen, sei wachsam!

Wie Ihr wisst, machen sich nun die Langstreckenflieger auf den Weg in den warmen Süden. Das sind die Rotschwänzchen (Phoenicurus), die Grasmücken (Sylvia), Singdrosseln, Stare, die Schwalben. Bei manch anderen, den Teilziehern, fliegt dagegen nur ein Teil der Population. Dazu gehören Stieglitze, Gimpel, Buchfinken oder eben auch wir Rotkehlchen. Früher hab ich die lange Reise zum Mittelmeer auch mal mitgemacht. Aber so ein Flug über die Alpen schlaucht ganz schön. Seither bleib ich lieber hier - und bin damit keineswegs allein: Die milder werden-den Winter... nun, die Klimaerwärmung hat manchmal auch ihre guten Seiten. Die Buchfinken halten es trotzdem noch so, dass die Weibchen im Winter Frauen-Urlaub im Süden machen und die Männchen hier auf sie warten. So ein bisschen Abstand soll ja manchmal ganz gut tun...

Übrigens, in den 60er/70er Jahren haben die Menschen auch endlich verstanden, warum wir uns so hervorragend orientieren können und zielgenau ins Winterquartier und zurück finden: Unser Magnetsinn weist uns den Weg mit Hilfe des Magnetfeldes der Erde. Ein Friedrich Wilhelm Merket und seine Forschergruppe sind darauf gekommen - und ihr Forschungsobjekt waren: Rotkehlchen natürlich! düdeldüüü, düdeldüüüü... Entschuldigung, aber dieses Dämmerlicht.... düdeldüüü... das verleitet gerade uns Männchen immer zum Singen, ob morgens oder abends, das ganze Jahr über. Wenn ich's mir recht überlege, singt es sich jetzt im Herbst eigentlich am besten, denn viele andere Vögel sind um diese Zeit eher stumm... düdeldüüü... da kommt unser Repertoire von insgesamt 275 (!!) unterschiedlichen Motiven erst so richtig schön zur Geltung. Aber eigentlich singen wir mit dem grössten Enthusiasmus so zwischen März und Mai - Ihr wisst schon, um die Weibchen zu beeindrucken.
Hat das gut geklappt, geht's ab März/April ans Brüten. Eine schöne gemeinsame Zeit ist das. Und vor allem liebe ich es, den kleinen Nesthockern vorzusingen, damit sie sich unsere vielfältigen Strophen einprägen können. Nur leider kommt es gerade bei uns allzu oft zu echten Familiendramen: Wir nisten am liebsten direkt über dem Erdboden in offenen Halbhöhlen in Reisighaufen, hohlen Baumstümpfen oder auch mal in einem vergessenen Gummistiefel. Da sind wir, und besonders die Kleinen, willkommene Beute für diese haarigen Viecher, Katzen nennt ihr sie wohl. Sie und andere Jäger machen uns so sehr zu schaffen, dass unsere durchschnittliche Lebenserwartung bei 1,2 Jahren liegt -obwohl wir gut 17 Jahre und älter werden könnten! Zugegeben, sie sind das nicht allein: Auch Insekten- und Pflanzenvernichtungsmittel - pfuiii.... Denn eigentlich sind die Insekten und deren Larven unsere bevorzugte Nahrung. Und wenn die vergiftet werden, landen die Giftstoffe später auch bei uns im Magen.

Zur Ablenkung such ich mir jetzt eine Ameise! Gefiederpflege ist angesagt. Wie das geht? Ganz einfach: Man schnappe sich eine lebende Ameise ganz vorsichtig mit dem Schnabel und ziehe sie durch das Gefieder. Die abgegebene Ameisensäure pflegt die Federn und bekämpft Bakterien und Pilze - auf ganz natürliche Art! Und wenn wir es mal ganz nötig haben, legen wir uns mit weit geöffneten Flügeln in einen Ameisenhügel oder auf eine Ameisenstrasse. Aber passt, ganz heimlich - das sieht immer ein bisschen peinlich aus...


c: Kerstin Ackermann
Publikation GartenFlora 10/11

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